Arctic Winter Race 2017

Der nördliche Polarkreis hatte schon immer irgendwie einen besonderen und magischen Klang. Und dann im Hochwinter 300 Kilometer am Stück mit dem Bike ohne externe Hilfe hat einfach einen gewissen Reiz. Und so konnte ich im Februar 2017 diesem Reiz folgen und nach Finnland fliegen, um dort beim "Rovaniemi 300 - Arctic Winter Race" an den Start zu gehen. 

 

Das "Rovaniemi 300 - Arctic Winter Race" teilt sich in zwei Sektoren. Die erste Hälfte folgt dem Rovanemi 150. Die Strecke ist sehr gut ausgeschildert und es gibt auch Checkpoints, bei denen es Wasser gibt. Aber Essen muss man auch hier selber mit dabei haben. Der zweite Sektor aber geht dann 158 Kilometer durchs freie Gelände. Die Strecke kann nur mittels GPS-Gerät gefunden werden. Im Gegensatz zum ersten Sektor gibt es hier keine Checkpoints und vorpräparierten Trails. Es kann geschehen, wie 2016, dass es bis zu einen Meter Neuschnee gibt.

 

Aber der Reihe nach...

Nach dem ich bereits im Februar 2016 beim Yukon Arctic Ultra in Nordkanada meinen ersten Arctic-Marathon gefinished hatte, machte ich mich also Mitte Februar auf den Weg nach Finnland, genauer gesagt zum nördlichen Polarkreis, um beim Rovaniemi 300 zu starten. Das Rennen gilt als einziges "Arctic Winter Race" Europas mit einem sehr hohen Anspruch. 

Aber dieses Rennen verlief nicht ohne Hindernisse. Von Anfang an war es ein Mageninfekt, der mir zu schaffen machte. Konnte nicht viel essen und trinken. 

 

Auch am Flughafen in Rovaniemi die erste Überraschung. Ich war zwar da, aber mein Gepäck nicht. Dies wurde mir aber später ins  Hotel nachgeliefert. Dort aber die nächste Überraschung. Mein Bike und Teile der Ausrüstung waren ebenfalls nicht da.

Also etwas Zeit vertreiben, Rovaniemi anschauen, und versuchen den Mageninfekt aus dem Körper zu werfen. Zwei Tage Warten gingen vorüber, bis der Rest der Ausrüstung ankam. Endlich konnte ich lockere Trainingsrunden fahren.

Aber diese Trainingsrunden sollten mir zeigen, wie es überhaupt um meinen Magen steht. Denn der fand die Idee nicht so lustig. Und so war bei der ersten Tour Klopapier ein sehr begehrtes Objekt.

Bei den nächsten Touren aber war deutliche Besserung zu spüren. Langsam wurde der Magen besser. Ich merkte aber auch, dass mir der Infekt wahnsinnig die Kraft genommen hat. Also achtete ich sehr auf die Ernährung in dieser Zeit. Schließlich wird mein Magen während der Zeit im Rennen noch genug gefordert. Da man ja alles mit am Bike hat ist es primär Expeditionsnahrung welche gegessen wird. 

Am 17.02.2017 wurde es langsam ernst. Briefing zum Rennen. Dort traf ich auch seit langem wieder Peter Felten, einen weiteren Deutschen, der bereits 2016 hier war. Auch er hatte sehr mit einem Mageninfekt zu kämpfen. Schien wohl ein deutsches Problem zu sein.

- - - Das Rennen Tag 1 - - -

Eines der unberechenbaren Elemente beim Arctic Winter Race ist durchaus das Wetter. Und das war 2017 sehr verrückt. Einmal - 30 Grad, dann wieder -5. Einmal Sonne, dann wieder Schneesturm. Also sehr schwierig, sich auf etwas einzustellen. 

Zum Start war es überraschend sonnig und mit gut -7 Grad eher warm für diese Jahreszeit hier am nördlichen Polarkreis. Da ich wieder mit meinen Magen Probleme hatte, stand als erstes Ziel Durchkommen an. Und so  ging es um 09:00 OZ  auf eine 300 Kilometer lange  Reise durch Lappland.

Um ehrlich zu sein war der Trail vom Anspruch her ganz anders als im Yukon. Während in Kanada die Trails  sehr hart waren, hatten wir in Finnland eher einen weichen Boden. Und der kostet Kraft. 

Racer: Oscar Juhlin
Racer: Oscar Juhlin

Anfangs führte die Strecke noch über den Ounasjoki-Fluss. Guter Untergrund zum Biken. Nach 10 Kilometer dann wechselte der Trail kurz auf eine Iceroad. Schön zum Gas geben. Aber nicht lange. Es folgte ein Trail, der durchs Unterholz führt. Teilweise musste das Bike mit drei bis vier Anläufen durch die Büsche geschoben werden. Erschwerend kam noch der Schnee dazu. Waren die Trails sehr hart, so ging es daneben sofort bis zu 1,5 Meter im Pulverschnee nach unten. So kommt es schon mal vor, dass man bei einem kleinen Schlenker erst mal eine Ausgrabung vor  sich hat... ;-)

Als Belohnung für diese Knochen-arbeit folgte das, was ich bei solchen Aktionen liebe. Ein endlos großer See. Einfach nur in die Pedale treten und die Ferne genießen. Genial. Bei solchen Momenten ist alles vergessen. 

Langsam lichtete sich auch das Fahrerfeld. Die Abstände wurden größer und es kehrte endlich Ruhe ein. Ich für meinen Teil fuhr in Ruhe mein Tempo. Zu diesem Zeitpunkt ohne Magenprobleme. Dies sollte sich aber noch ändern.

Langsam aber kam die Dunkelheit. Wie schon im Yukon wird es auch in Finnland sehr schnell kalt. Von -7 gingen die Temperaturen runter auf -18. Teilweise auch -25. Für mich war aber klar, daß ich nach gut 140 Kilometer in den Beinen erst einmal eine Pause machen werde. Zu diesem Zeitpunkt war ich auf Platz zwei dicht gefolgt von Ronnie Carrara, einem Italiener. Auch er machte nach 140 Kilometer eine Pause am Lagerfeuer. Schlafsack raus, etwas essen und 3 Stunden schlafen...

- - - Das Rennen Tag 2 - - -

Ehrlich gesagt sahen Ronnie und ich etwas fertig aus, als wir um 05:00 morgens wach wurden. Nur schnell frühstücken und es ging wieder in die Dunkelheit.

Gut 10 Kilometer und ich konnte Rovaniemi passieren. Es ging auf den zweiten Sektor. Der, auf den ich mich am meisten gefreut habe. Leider hatte dieser Abschnitt einen ganz großen Nachteil. Man muss immer mit dem GPS-Gerät und dem GPS-Sender Spot arbeiten, ist also permanent am abgleichen und arbeiten mit der Elektronik. Und das ist ja bekanntlich nicht meine Welt. Aber Ok. Gehört halt dazu.

Zugegeben war ja der erste Teil landschaftlich schon sehr schön, aber der zweite Teil war Wahnsinn. Eine Schneelandschaft wie aus dem Bilderbuch. Auch Ronnie war begeistert. Die -12 Grad machten einem da gar nichts aus.

 

Was mir aber was ausmachte war die Tatsache, dass mein Magen immer mehr Probleme machte. So gut wie es lief, aber mit jedem Meter wurde er wieder schlechter. Immer wieder Zwangspausen. Mit der Zeit viel es mir sehr schwer noch was zu essen und zu trinken.  

Ehrlich gesagt ist dies ein absolutes Horrorszenario. Ein Mageninfekt mitten im Nirgendwo. Essen und Trinken fast nicht mehr möglich. Nur ein paar Unterstände wo vielleicht Brennholz liegen könnte.

Gut sieben Stunden quälte ich mich zum nächsten Unterstand. Zu meinem Glück war Brennholz da. Also Feuer machen, Schnee schmelzen, versuchen zu essen und zu trinken. Wichtig war, dass mein Körper wieder Wärme bekommt. Also rein in den Schlafsack, Hibler Wärmepackung  vorsorglich anwenden und versuchen zu schlafen. 

Lange konnte ich die Augen aber nicht geschlossen hallten. Nach gerade einmal einer halben Stunde wurde ich vom Schüttelfrost aus dem Schlaf gerissen. Das Feuer war fast aus. Schnell Holz nachlegen und das Anbrennen mit etwas Benzin beschleunigen. Ohne was zu essen machte ich mich nach gut einer Stunde wieder auf den Weg.

Gut -32 Grad waren es teilweise. Der Trail nur im Licht der Lampe zu sehen. Was  auch zu sehen war, Ronnie war mittlerweile an mir vorbeigefahren. Aber das war mir zu diesem Zeitpunkt eher egal. Ich wollte nur noch irgendwie ins Ziel.

Es war ein harter Kampf bis zum Fluss, wo der Trail zumindest wieder eben wurde.  Einige sehr steile Rampen kosteten mich viel Kraft, die ich nicht mehr hatte.

Mit dem Erreichen des Ounasjoki fiel mir ein Stein vom Herzen. Bis zu diesem Zeitpunkt waren es gut 13 Stunden mit sehr wenig Trinken und Essen. Und das Ziel mit ca 20 Kilometer in greifbarer Nähe. Aber vom sehr langsam fahrenden Italiener keine Spur. Trotzdem wollt ich wieder etwas aufholen. Ein paar Bissen von einem Riegel und heißer Tee. Und weiter ging es in Richtung Rovaniemi.

Was ich nicht ganz glauben konnte war, dass ich es 10 Kilometer vor dem Ziel tatsächlich geschafft hatte, Ronnie Carrara einzuholen. Aber er war sehr angeschlagen und müde. Sein Essen und Trinken gefroren. Also gab ich ihm einen Riegel und Tee. 

Bis 6 Kilometer vor dem Ziel fuhren wir gemeinsam. Leider konnte er nicht mehr schnell fahren, was für mich bedeutete, dass mir wieder kalt wurde. Also fragte ich ihn, ob es in Ordnung sei, wenn ich schneller fahren würde. Mit den Worten von Ronnie "You was fighting so hard, it is you second place. You catched me. I´m good with the third. Go for it!!!" wurde ich wieder schneller.

Ein letztes Mal beißen. Noch vier Kilometer bis zum Ziel. Dann ist es geschafft. 300 Kilometer am nördlichen Polarkreis. 

 

Nach 47h 50min war es dann so weit. Ich konnte das Arctic Winter Race in Finnland beenden. Und dann noch als 2ter. Aber dieser Platz war angesichts des persönlichen Kampfes eher Nebensache. Das schönste war aber, dass ich gut 10 Minuten später Ronnie Carrara im Ziel empfangen konnte. Auch er musste hart mit sich kämpfen. 

 

Ronnie und ich haben uns immer wieder auf der Strecke getroffen. Hatten viel Zeit zusammen verbracht. Daher war es besonders schön eine gemeinsame Siegerehrung zu haben...

v.l.n.r. Florian ( 2ter ) - Alex ( Race-Organisator ) - Ronnie Carrara ( 3ter ) - Marco Vitto
v.l.n.r. Florian ( 2ter ) - Alex ( Race-Organisator ) - Ronnie Carrara ( 3ter ) - Marco Vitto

Das Rovaniemi 300 - Arctic-Winter-Race hat wahnsinnig viel von mir verlangt, aber auch sehr viel gegeben. Alleine die Landschaft war es schon wert. Aber auch das Kämpfen gegen sich selbst, das gemeinsame Fighten mit Ronnie Carrara ist unbezahlbar. 

 

Für mich war es wieder eine große Herausforderung, die ich stemmen konnte und auf die ich sehr stolz bin. Bleibt nur wieder die übliche Frage...

 

 

What´s next...? 

 

 

Ich weiß es schon. ;-)


Bilder vom Arcitc Winter Race 2017